Die Hamburger Kunsthalle eröffnet im September eine der ambitioniertesten Ausstellungen der letzten Jahre: „Farbe, Licht und Küste — Der norddeutsche Expressionismus" vereint über 120 Werke aus internationalen Sammlungen und rückt eine Kunstbewegung ins Zentrum, die in der öffentlichen Wahrnehmung oft hinter ihren süddeutschen Pendants zurücksteht. Dabei hat gerade die norddeutsche Landschaft — mit ihren weiten Horizonten, dem wechselhaften Licht über der Nordsee und der herben Schönheit der Küste — eine eigenständige expressionistische Bildsprache hervorgebracht.

Eine Neubewertung des Nordens

Die Ausstellung verfolgt einen klaren kuratorischen Ansatz: Sie möchte zeigen, dass der Expressionismus in Norddeutschland nicht bloß ein Ableger der Dresdner Brücke oder des Münchner Blauen Reiters war, sondern eine eigenständige Tradition mit spezifischen thematischen und formalen Schwerpunkten entwickelte. Kuratorin Dr. Annika Steffens hat dafür Leihgaben aus dem Brücke-Museum Berlin, dem Museum Folkwang in Essen, der Nationalgalerie Oslo und mehreren Privatsammlungen zusammengetragen.

Im Zentrum stehen Künstler wie Emil Nolde, Ernst Ludwig Kirchner in seiner Fehmarn-Phase, Karl Schmidt-Rottluff und die weniger bekannte, aber zunehmend gewürdigte Anita Rée. Ihre Werke werden in thematischen Räumen präsentiert, die sich jeweils einem Aspekt der norddeutschen Landschaft und Lebenswelt widmen.

Die Küste als Kraftort

Der erste Ausstellungsraum ist dem Thema „Meer und Küste" gewidmet und versammelt einige der eindringlichsten Meeresbilder des deutschen Expressionismus. Emil Noldes Aquarelle der Nordsee-Stürme, entstanden auf der Insel Sylt zwischen 1930 und 1935, bilden den emotionalen Auftakt. Die Leuchtkraft seiner Farben — das tiefe Violett der Gewitterwolken, das aggressive Orange der Sonnenuntergänge — offenbart eine Naturerfahrung, die weit über die reine Abbildung hinausgeht.

Daneben hängen Karl Schmidt-Rottluffs Dangaster Landschaften, in denen die niedersächsische Küste in kräftigen Farbflächen erscheint, die an die Fauves erinnern, aber eine eigene, nördliche Schwere besitzen. Die Gegenüberstellung macht deutlich, wie unterschiedlich beide Künstler auf dieselbe Landschaft reagierten: Nolde mit ekstatischer Hingabe, Schmidt-Rottluff mit einer fast architektonischen Strenge.

Stadtleben und Hafenszenen

Der zweite thematische Schwerpunkt widmet sich der Großstadt Hamburg. Hier werden selten gezeigte Arbeiten von Ernst Ludwig Kirchner präsentiert, die während seiner Besuche in Hamburg zwischen 1907 und 1912 entstanden. Seine Darstellungen des Hafenlebens — Kräne, Dampfer, Arbeiter an den Landungsbrücken — verbinden die nervöse Energie seiner Berliner Straßenszenen mit einer maritimen Atmosphäre, die einzigartig in seinem Werk ist.

Ergänzt werden diese Arbeiten durch Bilder von Friedrich Ahlers-Hestermann und Dorothea Maetzel-Johannsen, zwei Künstlern der Hamburger Sezession, die in der Kunstgeschichtsschreibung lange vernachlässigt wurden. Ihre Arbeiten zeigen das Hamburg der Weimarer Republik: Varietészenen auf St. Pauli, Ansichten der Speicherstadt im Nebel und Porträts aus dem Milieu der Hafenarbeiter.

Wir wollen nicht nur große Namen zeigen, sondern auch die lokale Szene sichtbar machen, die den Expressionismus in Hamburg lebendig gehalten hat — auch gegen erhebliche Widerstände.

Anita Rée — eine Wiederentdeckung

Ein eigener Raum ist der Hamburger Künstlerin Anita Rée gewidmet, deren tragische Biografie — als Tochter einer jüdischen Familie wurde sie von den Nationalsozialisten verfolgt und nahm sich 1933 das Leben — lange den Blick auf ihr bemerkenswertes Werk verstellt hat. Die Kunsthalle zeigt dreizehn ihrer Gemälde, darunter das monumentale „Weiße Nubierinnen" und mehrere der stilistisch faszinierenden Porträts, in denen sich expressionistische Ausdruckskraft mit einer fast klassizistischen Formstrenge verbindet.

Die Neubewertung von Rées Werk ist Teil einer breiteren Tendenz in der Kunstgeschichte, die Beiträge von Künstlerinnen zum Expressionismus sichtbar zu machen. Die Ausstellung widmet auch Alma del Banco und Gretchen Wohlwill eigene Sektionen — beide waren in der Hamburger Kunstszene der 1920er Jahre aktiv und gerieten nach 1933 in Vergessenheit.

Die Brücke an der Ostsee

Ein weiterer Höhepunkt der Ausstellung sind die Fehmarn-Bilder, die mehrere Brücke-Künstler während ihrer Sommeraufenthalte auf der Ostseeinsel schufen. Kirchner verbrachte die Sommer 1908 bis 1914 auf Fehmarn und schuf dort einige seiner wichtigsten Werke: Badende an den Steilküsten, Fischer bei der Arbeit und weitschweifende Panoramen, in denen das Licht der Ostsee in vibrierenden Farben eingefangen ist.

Die Ausstellung zeigt acht dieser Fehmarn-Arbeiten im Dialog mit Landschaftsbildern von Max Pechstein, der zeitgleich an der pommerschen Ostseeküste malte. Der Vergleich offenbart unterschiedliche Temperamente: Kirchners nervöse Pinselführung und eckige Formen stehen Pechsteins rundere, sinnlichere Kompositionen gegenüber.

Begleitprogramm und Vermittlung

Die Kunsthalle hat ein umfangreiches Begleitprogramm entwickelt. Neben klassischen Führungen gibt es eine Vortragsreihe, in der Kunsthistorikerinnen und Kunsthistoriker aktuelle Forschungsergebnisse zum norddeutschen Expressionismus vorstellen. Besonders interessant dürfte ein Vortrag von Prof. Dr. Marcus Weber (Universität Kiel) sein, der über die kunstpolitischen Netzwerke der Hamburger Sezession forscht.

Für Familien gibt es ein spezielles Workshop-Programm, in dem Kinder zwischen 6 und 12 Jahren mit expressionistischen Maltechniken experimentieren können. Die Workshops finden an jedem Samstag und Sonntag während der Ausstellungsdauer statt und sind im Eintrittspreis inbegriffen.

Darüber hinaus kooperiert die Kunsthalle mit der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg, die in einer parallelen Kabinettausstellung Originalbriefe und Tagebücher norddeutscher Expressionisten zeigt. Besonders die Korrespondenz zwischen Nolde und Schmidt-Rottluff gibt Einblicke in die künstlerischen Überzeugungen und persönlichen Konflikte innerhalb der Bewegung.

Praktische Informationen

Die Ausstellung „Farbe, Licht und Küste — Der norddeutsche Expressionismus" ist vom 18. September 2026 bis zum 15. Februar 2027 in der Hamburger Kunsthalle zu sehen. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag, 10 bis 18 Uhr, donnerstags bis 21 Uhr. Der Eintritt beträgt 16 Euro, ermäßigt 8 Euro. Für Besucherinnen und Besucher unter 18 Jahren ist der Eintritt frei.

Angesichts des erwarteten Besucherandrangs empfiehlt die Kunsthalle, Zeitfenster-Tickets über die Website zu reservieren. Für die Eröffnungswoche sind bereits alle Termine ausgebucht — ein Zeichen dafür, dass die Nachfrage nach diesem Thema groß ist und Hamburg sich zu Recht als Zentrum der Expressionismus-Forschung versteht.