Das Thalia Theater Hamburg hat seinen Spielplan für die Saison 2026/27 vorgestellt — und er verspricht eine der aufregendsten Spielzeiten in der jüngeren Geschichte des Hauses. Intendant Joachim Lux, der das Theater seit 2009 leitet, setzt dabei auf eine Mischung aus zeitgenössischer Dramatik, provokanten Neuinszenierungen klassischer Stoffe und einem verstärkten Engagement im Bereich der freien Theaterarbeit.
Saisonauftakt mit Uraufführung
Den Auftakt bildet am 19. September eine Uraufführung: „Die Elbvertiefung" von der Hamburger Autorin Nora Abdel-Maksoud, die sich als eine der profiliertesten Stimmen des deutschsprachigen Gegenwartstheaters etabliert hat. Das Stück nimmt die jahrzehntelangen Debatten um die Vertiefung der Elbe als Ausgangspunkt für eine satirische Auseinandersetzung mit Hamburgs Selbstverständnis als Handelsmetropole. In der Inszenierung von Ersan Mondtag wird die Bühne zu einer begehbaren Hafenlandschaft, in der die Grenzen zwischen Dokumentartheater und absurder Komödie verschwimmen.
Abdel-Maksoud, die zuletzt mit „Café Nada" am Maxim Gorki Theater Berlin für Aufsehen sorgte, hat für ihr Hamburg-Stück über ein Jahr recherchiert und Gespräche mit Hafenarbeitern, Umweltschützern und Reederei-Managern geführt. Das Ergebnis soll, so die Dramaturgie, ein vielstimmiges Porträt einer Stadt sein, die zwischen ökonomischen Interessen und ökologischer Verantwortung zerrissen ist.
Shakespeare neu gedacht
Im Oktober folgt eine Neuinszenierung von Shakespeares „Der Sturm", die der belgische Regisseur Luk Perceval verantwortet. Perceval, der dem Thalia Theater seit Jahren eng verbunden ist, interpretiert Prosperos Insel als Metapher für die europäische Flüchtlingspolitik. Die Figur des Caliban wird dabei in den Mittelpunkt gerückt — nicht als Monster, sondern als enteigneter Bewohner, dessen Land und Kultur von einem Kolonisator beansprucht werden.
Die Produktion arbeitet mit einem mehrsprachigen Ensemble: Neben deutschen Schauspielerinnen und Schauspielern sind Performerinnen aus Syrien, dem Irak und Eritrea beteiligt, die ihre eigenen Erfahrungen in die Inszenierung einbringen. Das Bühnenbild von Katrin Brack — bekannt für ihre reduzierten, oft nur aus einem einzigen Material bestehenden Räume — soll die kahle Leere eines Flüchtlingslagers evozieren.
Wir wollen Shakespeare nicht modernisieren um der Modernisierung willen. Aber wenn ein 400 Jahre altes Stück so präzise unsere Gegenwart beschreibt, dann müssen wir diese Verbindung sichtbar machen.
Drei Uraufführungen im Gaußstraße
Das Thalia in der Gaußstraße, die zweite Spielstätte des Theaters im Stadtteil Ottensen, wird in der neuen Saison noch stärker als Labor für neue Formen genutzt. Drei Uraufführungen stehen auf dem Programm, darunter ein Stück des türkisch-deutschen Autors Deniz Utlu, der sich mit der Geschichte der Gastarbeiterbewegung in Hamburg auseinandersetzt.
Utlus Text „Schichtende" erzählt von drei Generationen einer türkischen Familie in Hamburg-Wilhelmsburg und spannt den Bogen von den 1960er Jahren bis in die Gegenwart. Die Inszenierung übernimmt Sebastian Nübling, der für seine physischen, choreographisch durchgearbeiteten Theaterabende bekannt ist. Besonders die Zusammenarbeit mit dem Hamburger HipHop-Kollektiv „Neues Kapitel" verspricht einen Theaterabend, der die Grenzen zwischen Sprechtheater, Tanz und Musikperformance aufhebt.
Ebenfalls in der Gaußstraße zu sehen sein wird „Algorithmus", ein Stück der österreichischen Autorin Teresa Präauer über die Auswirkungen künstlicher Intelligenz auf zwischenmenschliche Beziehungen. Die Produktion experimentiert mit interaktiven Elementen: An bestimmten Stellen der Vorstellung wird das Publikum aufgefordert, über den Fortgang der Handlung abzustimmen — eine spielerische Reflexion über Kontrolle und Fremdbestimmung.
Repertoire-Pflege und Wiederaufnahmen
Neben den Neuproduktionen setzt das Thalia auf die Pflege seines Repertoires. Mehrere erfolgreiche Inszenierungen der vergangenen Jahre werden wiederaufgenommen, darunter Dimiter Gotscheffs legendäre „Iwanow"-Inszenierung, die seit ihrer Premiere 2019 regelmäßig ausverkauft ist, sowie Jette Steckels vieldiskutierte Fassung von Thomas Manns „Buddenbrooks", die den Roman in einer vierstündigen Marathonvorstellung auf die Bühne bringt.
Die „Buddenbrooks"-Inszenierung hat eine besondere Bedeutung für Hamburg: Der Roman spielt bekanntlich in Lübeck, aber Thomas Manns Auseinandersetzung mit dem hanseatischen Kaufmannsgeist resoniert auch in der Elbmetropole. Die Inszenierung macht diese Verbindung explizit, indem sie Textpassagen aus Manns Hamburg-Bezügen in die Dramatisierung einflicht.
Junges Thalia und Bürgerbühne
Das Junge Thalia erweitert sein Programm für Kinder und Jugendliche. Neben den etablierten Schulvorstellungen gibt es erstmals eine Jugend-Residenz: Sechs Monate lang arbeiten Hamburger Jugendliche zwischen 14 und 19 Jahren gemeinsam mit professionellen Theaterschaffenden an einer eigenen Produktion, die im April 2027 auf der großen Bühne zur Aufführung kommt. Das Thema wird von den Teilnehmenden selbst gewählt — ein demokratischer Ansatz, der das Theater für neue Perspektiven öffnen soll.
Die Bürgerbühne, die in den vergangenen Jahren an Bedeutung gewonnen hat, präsentiert zwei neue Produktionen. In „Hamburg erzählt" bringen 25 Hamburgerinnen und Hamburger im Alter von 8 bis 82 Jahren persönliche Geschichten auf die Bühne, die zu einem kollektiven Stadtporträt verwoben werden. Regisseurin Alize Zandwijk hat dafür über 100 Interviews geführt und daraus einen Theatertext montiert, der die Vielfalt der Stadt abbildet.
Kooperationen und Gastspiele
International vernetzt sich das Thalia weiterhin. Gastspieleinladungen führen das Ensemble nach Wien, Zürich und erstmals nach Tokio, wo die „Buddenbrooks"-Inszenierung im Rahmen eines deutsch-japanischen Kulturfestivals gezeigt wird. Im Gegenzug gastiert das Tokyo Metropolitan Theatre im Dezember am Thalia mit einer japanischen Bearbeitung von Brechts „Der gute Mensch von Sezuan".
Eine weitere Kooperation verbindet das Thalia mit dem Kampnagel, Hamburgs Zentrum für freie Künste. Gemeinsam wird ein Festival unter dem Titel „Brücken" veranstaltet, das im März 2027 über zehn Tage Performances, Installationen und Diskussionsformate an beiden Spielorten präsentiert. Die thematische Klammer bildet die Frage nach der Rolle von Kultur in einer zunehmend fragmentierten Gesellschaft.
Vorverkauf und Abonnements
Der Vorverkauf für die neue Spielzeit beginnt am 1. August. Das Thalia bietet verschiedene Abonnement-Modelle an, darunter ein flexibles „Wahl-Abo", das sechs frei wählbare Vorstellungen zu einem vergünstigten Preis bündelt. Für Studierende und Auszubildende gibt es weiterhin das „Last-Minute-Ticket" für 10 Euro an der Abendkasse — ein Angebot, das regelmäßig innerhalb weniger Minuten ausgeschöpft ist.
Mit diesem Spielplan positioniert sich das Thalia Theater als eines der mutigsten und gesellschaftlich engagiertesten Häuser der deutschsprachigen Theaterlandschaft. Wer in Hamburg lebt und sich für Theater interessiert, wird in der kommenden Saison kaum einen Grund finden, dem Alstertor fernzubleiben.